Wie Corona unsere Schreibtische 40 km auseinanderrückte …

… und was wir dabei über uns gelernt haben

Acht Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Ran an die Arbeit! Fehlen da nicht ein paar Zwischenschritte?

Herzlich Willkommen im Home-Office: Der Arbeitsplatz ist nur einige Schritte vom Bett entfernt. Für Mareike alltäglich, für Nadezda eine echte Herausforderung. Das kennen wahrscheinlich die meisten von Ihnen, wenn Sie nicht sowieso von zuhause aus arbeiten: Auf einmal brechen alle Tagesstrukturen zusammen, die man sich über Jahre aufgebaut hat. Und so sah unser Home-Office-Alltag aus:

Von Mareike Knue und Nadezda Gerdemann

Nadezda: Deko macht den Unterschied

Die Einleitung kann recht brutal rüberkommen: Da führt man den gewohnten Alltag und zack – bitte einmal umdenken, umorganisieren, umstrukturieren … Gut, geht nicht anders. Nun war es an der Zeit für einen etwas anderen Alltag.

Der Wecker klingelt – eine Viertelstunde bis zum Arbeitsbeginn. Wird reichen. Schnell Zähne putzen; während der Laptop hochfährt, läuft die Kaffeemaschine. Der Laptop ist übrigens eine Geschichte an sich: An manchen Tagen, wo er sich an einem Update verausgabte, konnte man während des Hochfahrens auch einkaufen gehen. Schwierigkeiten kommen bekanntlich nicht allein.

Ran an den PC. Für die nächsten Stunden ist das mein Arbeitsplatz. Räumliche Trennung zwischen Arbeit und Freizeit – Fehlanzeige. Kleiner Tipp am Rande – selbst erarbeitet und in Anwendung getestet: Der Tisch wird „umdekoriert“. Während der Arbeitszeit kommt die Deko runter; ein Block und Kugelschreiber liegen bereit. Feierabend – die Festivalbecher werden wieder auf dem Tisch platziert, der Block wandert auf die Ablage. Klingt komisch, funktioniert aber.

Nackenfreiheit stärkt die Eigenverantwortung

Am schwierigsten fiel es mir, mich selbst zu motivieren. Pünktlich aufzustehen, auch wenn man nicht um Punkt 7:13 am Bahnhof stehen muss, einem keine Chefin im Nacken sitzt. Treffen abzusagen, weil man eben am Abreiten ist – ja, auch von zuhause. Nein, ich möchte mich nicht abends wieder ransetzen. Gerade von Freunden und Bekannten war der Druck enorm.

Ich habe viel über mich gelernt. Auch wenn ich ein kreativer Kopf bin, der sehr oft durcheinandergerät und seine Freiheiten braucht – Struktur ist das A und O, auch (oder sogar gerade) beim kreativen Arbeiten. Dank Home-Office habe ich einige Strategien erarbeitet zur Organisation des Arbeitsalltags, der nun so eng mit der Freizeit verbunden war. Diese werden auch in meinem weiteren Arbeitsleben von Nutzen sein. Ich habe gelernt, mir selbst Aufgaben zu erteilen, Deadlines zu setzen und sie auch einzuhalten.

Zusammenfassend würde ich sagen: Egal wie schwierig die Situation gewesen ist – ich habe daraus einige Vorteile gezogen. Und umso mehr freute sich Mareike, als ich hochmotiviert wieder ins Büro kam.

Mareike: Erprobte Home-Officerin auf Sozialkontakt-Entzug

Ja, das war ein schöner Tag, als wir entschieden haben, dass die allgemeinen Sicherheits- und Hygienekonzepte ausreichen, damit Nadezda durch den virenbelasteten ÖPNV herkommen und im regelmäßig belüfteten, desinfizierten und abstandskonformen Büro wieder mir gegenüber arbeiten kann.

Knapp acht Jahre lang habe ich allein im Home-Office gesessen – mich umzugewöhnen hat ein wenig gedauert: Plötzlich saß da jemand mir gegenüber, der mir – gefühlt – beim Arbeiten zusah … Genauso ungewohnt war es aber, jetzt wieder plötzlich allein zu sein.

Klar, wir haben telefoniert, gemailt, über die Projektplanungssoftware kommuniziert, videogechattet. Aber all diese Kanäle sparen etwas ganz Wichtiges aus: die Gelegenheitskommunikation. Eine von uns flucht, die andere fragt nach – kurzer Schnack über die Unmöglichkeit von Windows-Updates. Mein Mann kommt rein, überbringt irgendeine Info bzgl. der Kinder, Nadezda fragt nach, wie es ihnen geht – kurzer Schnack über Familienthemen. Wir treffen uns zum Pausensnack in der Küche – kurzer Schnack über die neusten Ernährungstrends und wie man sich ihnen entzieht.

Das fehlte. Und ich kann nicht mal sagen, dass ich dadurch effizienter gearbeitet hätte: Kurze Gespräche zwischendurch reißen das Gehirn aus seinem Konzentrationsmodus, entspannen die grauen Zellen und man arbeitet anschließend wie erfrischt. Immer nur die ganze Zeit auf die Arbeit zu starren, macht genau das: starr.

Doch nicht gern allein in weiter Prärie

Entgegen meiner gern gewählten Eigenbeschreibung als einsames Cowgirl (zumindest im Büro) habe ich über mich gelernt, dass ich viel mehr Teammensch bin, als ich dachte. Und dass ich meine Teams vermisst habe, seien es die beim Kunden oder das mit Nadezda.

Ja, in Ruhe arbeiten zu können, ist etwas Schönes. In Ruhe arbeiten zu müssen, nicht so. Eine gute Erfahrung für mich war, dass sich mein Eindruck auch auf die Ferne bestätigte: Nadezda macht ihren Job, egal, ob ich ihr theoretisch dabei zusehen kann oder nicht. Zu wissen, sie erledigt die Aufgaben, die anfallen, war eine große Entlastung zwischen ungeklärter Kinderbetreuung, ungeklärter Auftragslage und ungeklärter Unternehmenszukunft.

Seit dieser Erfahrung delegiere ich noch entspannter als vorher. Und das ist eine wirklich feine Sache am Chefinsein: Nadezda übernimmt mehr Projekte in Eigenregie als vorher. Und das ist auch notwendig, denn die Aufträge, die während des Lockdowns verschoben oder gestoppt wurden, laufen hier jetzt gerade auf – zusätzlich zu den normalen. Glücklicherweise. Und glücklicherweise sind wir zu zweit.