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Summer-Lesson: Wortschatzvergrößerung!

Nein, ich meine nicht alle Eissorten auf Italienisch aufsagen können oder alle Kosenamen für hübsche Mädchen auf Schwedisch. Ich meine: mehr Wörter zur Verfügung haben, um sich auszudrücken. Denn je mehr verschiedene Wörter Sie kennen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie genau das im Repertoire haben, das den Sachverhalt exakt trifft.

Nie mehr: Mir fehlen die Worte!

Die Vergrößerung des aktiven Wortschatzes ist ein Langzeitprojekt, das niemals abgeschlossen ist. Folglich muss auch eine entsprechende Übung langfristig angelegt sein – aber die freie Zeit im Sommer ist ein Anfang.

Prinzipiell geht es um ein Vokabellernen. Nicht sinnvoll ist es dabei, wie in der Schule Vokabeln losgelöst vom Kontext zu erlernen mithilfe von Vokabellisten. Schneller und nachhaltiger erlernen sich Vokabeln in einem Sprachzusammenhang. Das hat außerdem den Vorteil, dass ein Wort gleich in der richtigen grammatischen Konstellation memoriert wird und so nicht nur vorhanden, sondern auch einsetzbar ist.

Ihr persönliches Vokabel-Buch

Um ein solches Lernen von Vokabeln zu fördern, empfehle ich folgende Vorgehensweise:

Kaufen Sie sich heute ein kleines Büchlein mit leeren Seiten und einen kurzen Bleistift und tragen Sie beides jederzeit mit sich herum. Am besten schreiben Sie oben auf jede Seite das Tagesdatum.

Sobald Sie einem Wort begegnen oder einer Wortkonstruktion, die nicht zu Ihrem aktiven Wortschatz gehört, notieren Sie es in dem Büchlein. Nicht zum aktiven Wortschatz gehörig bedeutet: Vielleicht kennen Sie sowohl das Wort als auch seine Bedeutung, benutzen es aber nicht (passiver Wortschatz).

Setzen Sie sich jeden Abend fünf Minuten hin und lesen Sie die aufgeschriebenen Wörter noch einmal durch – am besten laut. Schlagen Sie alle Fremdwörter im Duden nach und schreiben Sie die Übersetzung daneben. Dann bilden Sie mit jedem Wort auf der Seite mindestens einen Satz, schriftlich oder mündlich, bei letzterer Methode wieder laut.

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Ihre Bücherliste für mehr richtige Worte

Lesen Sie gezielt Bücher von Autoren mit einem großen Wortschatz, dazu eignen sich vor allem Klassiker von Hesse, Mann – oder auch Bergengruen: Die Geschichte ist in drei Sätzen erzählt, die Figuren sind nicht einmal sympathisch und eine Gewöhnungsphase braucht das Buch allemal – aber dann belohnt es den Leser

Heute vergessene Worte verzaubern und schaffen ein neues Bewusstsein für Bedeutungen. Die seitenlangen Innenansichten der Figuren reizen, weil sie die Beweggründe der Figur erklären, die doch so entfernt sind von heutigen Vorstellungen. Du Idiot!, möchte man mehrmals der einen oder anderen Figur aus verschiedenen Gründen an den Kopf werfen. Faszinierend, dass sie einen aufregen, obwohl man sich nicht mit ihnen identifiziert.

Bergengruens Figuren haben keine „Connections“, sondern „Connaissancen“ – was im Kern dasselbe bedeutet, aber zeigt, dass Sprachwandel kein neues Phänomen ist: Wo früher französische Begriffe eingedeutscht wurden, sind es heut die englischen. Umso schöner zwischen diesen Moden klangvolle, bedeutungsscharfe deutsche Wörter und Formulierungen zu entdecken.

Bergengruen

Ergänzen Sie diese Lektüre durch Bücher aus dem Fachbereich, in dem Sie Ihren Wortschatz besonders erweitern wollen. Wählen Sie hier Autoren, die Sie für ihren Ausdruck bewundern. Legen Sie sich auch hier immer Ihr Büchlein griffbereit neben die Lektüre und benutzen es.

Lerneffekt?

  • Das Büchlein in Ihrer Tasche erinnert Sie laufend daran, auf neue Wörter oder Konstruktionen zu achten – es hält also Ihre Lernbereitschaft lebendig.
  • Indem Sie neue Wörter notieren, prägen Sie sie sich besser ein, denn vom passiven Hören oder Lesen gehen Sie über zum aktiven Aufschreiben.
  • Indem Sie abends Sätze mit den Wörtern bilden, memorieren Sie sie noch einmal, üben aber gleichzeitig ihre Verwendung: Ein neues Verb nützt Ihnen nichts, wenn Sie nicht wissen, ob es mit einem Dativ- oder Akkusativobjekt steht oder eine bestimmte Präposition erfordert.
  • Indem Sie die Wörter laut sprechen, wird neben Ihrem Lesegedächtnis auch Ihr Hörgedächtnis aktiviert – je nachdem, welcher Lerntyp Sie sind, lernen Sie eher über das Lesen, Hören oder Handeln (d. h. Sprechen).
  • An Vorbildern lernt es sich am besten – vorausgesetzt, es bleibt nicht beim passiven Lesen. Dass dies nicht geschieht, dafür sorgt das Büchlein.
  • Sie lernen keine überflüssigen Vokabeln, da Sie an Ihrem eigenen Sprach- bzw. Leseumfeld lernen.

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hartzen, adden, wulffen – Wortschatz-Bereicherung?

Die neueste Duden-Auflage enthält 5.000 neue bzw. geänderte Worte – andere sind weggefallen. Welche von den neuen Wörtern Sie als Bereicherung empfinden, sei Ihnen überlassen. Ich habe da bei einigen meine Zweifel …

Ökonomisierung

Die Süddeutsche Zeitung spricht von einer „Ökonomisierung des Duden“ – Sprache spiegelt die Gesellschaft: Bedeutet das, immer mehr unserer Bewertungsmaßstäbe beschäftigen sich mit der Wirtschaft? Haben Weltwirtschaftskrise und Finanzkrise und Eurokrise uns derart sensibel gemacht für wirtschaftliche Werte, dass wir die komplexe Lebenssituation eines Arbeitslosen auf das Verb „hartzen“ reduzieren?

Anglisierung

Ein zweiter Trend, immer mehr Anglizismen, fällt auf – kaum verwunderlich. Schön, dass die deutsche Sprache sich immerhin noch in der Grammatik selbstbewusst behauptet und englische Verben konjugiert: Ich adde, du addest, er/sie/es addet …

Personalisierung

Ein weitere Trend: die Personalisierung der Politik. Wulffen, riestern, hartzen – von einigen Politikern bleibt uns genau eine Verhaltensweise in Erinnerung, mit manchen Handlungen verbinden wir genau einen Politiker. Politik ist immer mehr eine Politik der Gesichter, weniger eine der Meinungen. Bald ist Wahl – welches Gesicht passt den Deutschen dann am besten? Zu welchem Politiker fühlen sie sich am ehesten hingezogen?

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Schnellebige Zeit, rasch wechselnder Sprachgebrauch?

Mir fällt vor allem auf, wie schnell es Wörter heutzutage in den Duden schaffen: Wir lange hat es gedauert, bis der Duden endlich Pizzas und Taxis anerkannte? Und wie kurz ist es her, dass Wulff überhaupt das „Wulffen“ erfinden ließ? Der Duden verändert seinen Rhythmus also auch gemäß der schnelllebigeren Zeit.

Wer weiß da schon, wie schnell die vielen neuen Modewörter wieder aus dem Duden fliegen, wenn sie niemand mehr verwendet, weil Wulffen schon wieder total out und vergessen ist, merkeln oder röslern dafür in? Andererseits: Vor wie vielen Jahren hat der letzte Deutsche „Stickhusten“ statt Keuchhusten gesagt?

Offenbar wird nicht unser Wortschatz größer, sondern der Duden nimmt nur schneller neue Wörter auf, als er alte hinausschmeißt. Bliebt Ihnen zu wünschen, dass es Ihnen mit Ihrem Wortgedächtnis ebenso geht …

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