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Elternzeit = Mütterzeit?

Am 1. Juni 2103 lag der Süddeutschen Zeitung eine Anzeigensonderveröffentlichung bei zum Thema Frauen in Führung, darin der Artikel „Immer mehr Firmen begleiten Elternzeit aktiv“.

Doch die Überschrift täuschte: Wieder einmal ging es nur darum, mit der „Eltern“-Zeit Frauen die Vereinbarung von Job und Familie zu ermöglichen.*

Wortwahl beeinflusst Wahrnehmung beeinflusst Realität

Bis heute wird von den meisten Unternehmen Elternzeit als Mütterzeit verstanden, Familienfreundlichkeit als Frauenfreundlichkeit. Das manifestiert den Irrglauben, Kinder gingen in erster Linie Frauen etwas an.

Muss die Familie beruflich zurückstecken, weil das Kind krank ist oder schlicht vorhanden, ist, so die (auch medial) meistverbreitete Meinung, 1. die Mutter zuständig, 2. die außerfamiliäre Betreuungsinstanz und erst 3. der Vater. Ergo wird auch in Bewerbungsgesprächen die Frau weiterhin als potenzielle Mutter mit Arbeitszeitausfall angesehen, der Mann aber nicht als potenzieller Vater mit demselben Arbeitsausfall bewertet.

Ich bin gespannt, wann es endlich so weit sein wird, dass Männer als zu 50 % verantwortlich für ihr Kind angesehen werden und die Männer, die dies längst leben wollen, sich leichter mit diesem Wunsch in ihrem Unternehmen durchsetzen können. Noch ist es offenbar nicht so weit:

Familienfreundlich = frauenfreundlich?

Eine Rheiner Sozietät wurde jüngst im Wettbewerb „Erfolgsfaktor Familie“ ausgezeichnet als familienfreundlichstes Unternehmen Deutschlands in der Kategorie kleine Unternehmen – den Grund erklärt ein Artikel aus der Münsterländischen Volkszeitung vom 3. Mai 2012: „… Mitarbeiterinnen haben zum Beispiel die Möglichkeit, nach der Geburt mit flexibler Arbeitszeitregelung wieder einzusteigen …“, und: „Wenn Mütter ihre Kinder nicht anders unterbringen können, übernimmt die Firma die Beiträge für die Betreuung …“, „… damit qualifizierte Mitarbeiterinnen dem Berufsstand erhalten bleiben“.

Bekommt man in Deutschland tatsächlich heute noch einen Preis dafür, dass man Frauen die Rückkehr in den Beruf erleichtert? Wird immer noch jemand ausgezeichnet, der die Geburt eines Kindes nur in Verbindung bringt mit der Frau, den Mann aber von jeglicher Verantwortung unberührt sieht? Das fördert kaum das gesellschaftliche Verständnis von Elternzeit als einer Periode, in der beide Eltern gleichermaßen berufliche Nachteile und Auszeiten in Kauf nehmen, um sich um das Neugeborene zu kümmern – mit dem Misserfolg, dass Kinderkriegen weiterhin als Handicap der berufstätigen Frau angesehen wird.

Achte auf deine Worte, denn sie werden zu Taten

Ein Telefonat mit dem Redakteur brachte schließlich Klärung: Es gebe in dem Unternehmen auch zwei Väter in Elternzeit, allerdings seien die Mitarbeiter nun mal zu neunzig Prozent Mitarbeiterinnen – deswegen seien aus Platzgründen die beiden Männer nicht im Artikel erwähnt worden.

Glück gehabt – die Kriterien des Wettbewerbs sind offenbar doch nicht völlig von gestern.

Aber bei unserer Wortwahl sollten wir aufpassen: Wenn wir jemandem nach der Geburt eines Kindes die Rückkehr in den Beruf erleichtern, dann bitte den Eltern, nicht nur den Müttern.

* Zugestanden: Hier könnte dies ausnahmsweise dem Umstand geschuldet gewesen sein, dass es in der gesamten Beilage um Frauen ging.

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